Das Magazin Die Interviews Noch Fragen?

Das Interview

Das Interview

   

 

Alexander Gerhardinger
„Sie kommen aus allen Gesellschaftsschichten “

Interviewt von Alexander Klein und Peter Babutzky

 

 

Besuchen Sie selbst Bordelle?

Nein. Ich habe eine Freundin und mit der bin ich glücklich. Wenn es mit dem Sex nicht klappen würde, würde ich in ein Bordell gehen. In einer Beziehung kommt es aber natürlich auf viel mehr an.

Wann waren Sie zum ersten Mal in einem Bordell?

Ich war mit 17 auf der Reeperbahn in Hamburg. Das war
ein Schlüsselerlebnis für mich, ich wollte mir das unbedingt ansehen. Beim zweiten Mal war ich dann schon 33.

Waren das gute Erfahrungen für Sie?

Nein. Ich wurde immer abgezockt. Ich fand ein Mädchen
hübsch, sie setzte sich her und ich musste ihr sofort einen Champagner bezahlen. Der kostete damals 500 Schilling. Das gab mir das Gefühl, nur hier zu sein, um möglichst viel Geld liegenzulassen. Viele meiner Freunde haben ähnliches erlebt. Vielleicht bin ich ja auch deshalb auf das System Saunaklub gekommen.

Was ist der Unterschied zwischen einem Bordell und einem Saunaklub?

In einem Saunaklub zahlen sowohl die Prostituierten als
auch die Männer Eintritt. Die vereinbaren dann untereinander, was sie machen und was es dann genau kostet.

Sie sind also kein Zuhälter?

Nein, niemand schickt die Mädchen hierher arbeiten.
Die Damen können auch jederzeit einen Herrn ablehnen.
Diese Freiheit hat mir von Anfang an gefallen.

Macht sich die Wirtschaftskrise in Ihren Umsätzen
bemerkbar?

Wir sind ja kein teurer Saunaklub. Unser günstiger
Preis ist sicher ein Grund für den Erfolg des Geschäftes.
Deshalb leiden wir im Gegensatz zu den teuren Etablissements nicht unter der Wirtschaftskrise. Was ich schon merke, ist, dass viele große Unternehmen ihre Bordellbesuche
nicht mehr auf die Spesenrechnung setzen.

Es war normal, Bordellbesuche einfach auf die Spesenrechnung der Firma zu setzen?

Absolut. Das war 30 Jahre ganz normal.

Das finden Sie nicht komisch?

Sicher. Das war aber ganz offiziell, jeder wusste es. Zum Beispiel bei der Voest: Wenn ein Auftrag in der Höhe von einer Milliarde abgeschlossen wurde, dann war es völlig normal, dass man den Abschluss des Geschäftes im Bordell feierte. Jetzt muss jeder in die eigene Tasche greifen. Dehalb gehen auch immer mehr Besserverdiener zu uns und nicht in ein teures Haus.

Was sagen Sie zu Leuten, die Prostitution verbieten wollen?

Ich glaube, diese Leute sind in der Minderheit. Die
Polizei sieht unser Geschäft sehr positiv. Jede Dame hier
ist angemeldet, die Mädchen werden jede Woche ärztlich
untersucht. Das Problem der Prostitution sind die illegalen Prostituierten. Würde man die Prostitution verbieten, dann würde alles wieder in die Illegalität abgleiten und die Zuhälter wieder an Bedeutung gewinnen.

Haben Sie keine moralischen Bedenken?

Diese Frage stellt man mir oft. Ich verdiene mein Geld
natürlich mit der Prostitution – genau wie die Mädchen.
Ich würde sagen, dass die Hälfte der Mädchen hier ist,
weil sie sich einen Porsche oder Chanel-Kleider kaufen
wollen. Dann gibt es wiederum Mädchen, die arbeiten
müssen, damit sie ihre Familie erhalten können. Ich habe
kein moralisches Problem, weil hier niemand gezwungen
wird.

Der Zwang entsteht aber durch die finanzielle Misslage, in der sich viele Mädchen befinden.

Die Mädchen machen den Job freiwillig. Sie könnten sich
ja auch eine andere Arbeit suchen, um ihre Probleme zu
lösen. Aber hier geht das am schnellsten.

Sie sehen also kein Problem darin, die in Europa existierenden Wohlstandsunterschiede auf diese Weise auszunutzen?

Dann müssen Sie aber auch in Betracht ziehen, dass das
Hemd, das Sie gerade tragen, vielleicht von Kindern
gemacht wurde. Ich habe in Italien gelebt und in Rom
gesehen, wie Markenware von Kindern hergestellt wurde.
In Italien, mitten in Europa, und eben nicht irgendwo im
asiatischen Raum.

Sollte man diese Situation nicht ändern?

Natürlich. Aber davon sind wir weit entfernt. Für mich
ist Kinderarbeit wesentlich problematischer, denn die
Kinder machen ihre Arbeit sicher nicht freiwillig. Unsere
Mädchen sind alle über 20 Jahre alt. Niemand zwingt sie,
hier an die Kassa zu kommen und Eintritt zu zahlen.

Was sagen Sie Frauen wie Alice Schwarzer, die Prostitution strikt ablehnen?

Dieser Job ist natürlich frauenfeindlich, aber das liegt
nun mal in den Männern drinnen. Warum zahlt ein Mann
für eine Frau? Das Problem ist immer die Nachfrage.
Wenn es keine Männer geben würde, die dafür zahlen,
dann würde es keine Prostitution geben. Was ich aber
wirklich menschenverachtend finde, sind Peepshows – ein Mädchen nackt im Käfig und die Männer bezahlen fürs Ansehen.

Was würden Sie sagen, wenn eine Ihrer zwei erwachsenen Töchter im „Goldentime“ arbeiten möchte?

Ich würde ihr abraten. Eindeutig.

Warum?

Weil das kein toller Job für ein Mädchen ist. Nur wenige
machen das aus Überzeugung. Meine Töchter haben
keine finanziellen Nöte. Bevor sie hier arbeiten, würde ich ihnen natürlich helfen.

Der Gedanke, dass Ihre Töchter als Huren arbeiten würden, quält Sie?

Selbstverständlich. Das ist bei jedem Vater so.

Haben Sie manchmal Mitleid mit Prostituierten, die in Ihrem Klub arbeiten?

Nicht nur Mitleid, ich habe auch schon einigen geholfen.
Wenn sie Geldsorgen haben, dann borge ich ihnen schon
mal was. Aber nicht nur aus Mitleid, sondern auch aus
Fairness.

Welche Männer kommen eigentlich ins „Goldentime“?

Vom Alter her alle. Wirklich von 18 bis 70. Außerdem
aus allen Gesellschaftsschichten. Weiters kommen sehr
viele Kongressbesucher in unser Haus. Beim letzten
Ärztekongress waren 16.000 Leute in Wien. Diese Männer
sind dann zwei, drei Tage alleine hier und was machen sie dann am Abend? Sie schauen sich natürlich so ein Haus an. Wir haben Junggesellenabende, sehr, sehr viele Weihnachtsfeiern, Geburtstagsfeste und Scheidungspartys. Da gibt es wirklich alles.

Sie haben in einem Interview gesagt, dass auch katholische Priester kommen.

In Tirol hatten wir regelmäßig Besuche von Priestern aus
Südtirol. Die haben viel Geld dagelassen und den Mädchen und mir erzählt, dass sie Priester sind.

Welchen Stellenwert hat Sex in Österreich?

Der Sex wird, wie alles andere auch, immer schneller, immer kommerzieller. Die Singles werden mehr, die Scheidungen nehmen zu und der Sex wird immer unpersönlicher. Das trifft vor allem das obere Ende der Gesellschaft. Die Besserverdiener arbeiten sehr viel, haben keine Zeit und kümmern sich nicht um die Familie. Zwischen ihren Terminen kommen sie dann zu uns. Deshalb läuft bei uns das Geschäft am Nachmittag so gut. So wie die Leute heute schnell essen, wollen sie auch schnellen Sex.

Prostitution lockt oft auch das organisierte Verbrechen auf den Plan. Ist bei Ihnen schon mal ein Vertreter der „Unterwelt“
auf der Matte gestanden und hat Schutzgeld gefordert?

Ganz am Anfang ist das durchaus vorgekommen, aber ich konnte mich da gut rausreden. In einem Fall habe ich die Polizei informiert und mich ruhig verhalten. Im anderen Fall habe ich mich verkabelt und konnte das nachher vor Gericht beweisen.

Wie läuft so eine Erpressung im Detail ab?

Da kommt jemand rein und bietet dir Schutz gegen die
Unterwelt oder gegen korrupte Polizisten an. Mir wurde
sowohl Schutz vor der Polizei als auch vor dem organisierten Verbrechen angeboten. Ich habe aber nie schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht, ganz im Gegenteil.

Ruft heutzutage der Chef der Wiener Kriminalpolizei noch an, um vor Razzien zu warnen?

Nein, natürlich nicht. Aber es gibt Razzien und es wurde
noch nie etwas beanstandet.

 

 

   
   
     
     
 

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