Das Magazin Die Interviews Noch Fragen?

Das Interview

Das Interview

   

 

Gabriele Gottwald-Nathaniel
Sucht in Zeiten der Krise

Interviewt von Nina Lindschinger

 

 

Sie sind Mutter zweier erwachsener Kinder. Wie sind Sie bei der Erziehung mit dem Thema Drogen umgegangen?

Eine spezielle Aufklärung haben sie schon gekriegt (lacht).

Wie hat diese Aufklärung stattgefunden?

Ich habe mich nie hingesetzt und gesagt, wir reden jetzt über Drogen. Ich habe überlegt, wo meine beiden Söhne ungestört längere Zeit verbringen. Sie saßen zum Beispiel gern auf der Toilette und lasen Comics. Dort habe ich einfach die ganzen Informationsbroschüren hingelegt.

Haben Sie nie Angst gehabt, dass ihre Söhne es doch mal ausprobieren?

Ich habe ganz klar gesagt, was meine Ängste sind. Ich bin davon ausgegangen, dass wenn sie Erfahrungen mit Drogen machen wollen, sie vorsichtig sind, weil sie alle relevanten Informationen haben.

Was machen manche Eltern bei der Aufklärung falsch?

Ich verallgemeinere nicht so gerne. Ich sehe das so, dass ich als Mutter der Widerpart bin und Grenzen habe. Ich glaube, dass es ein Problem ist, dass viele Eltern sich das nicht trauen.

Was genau trauen sie sich nicht?

Viele wollen der beste Freund ihrer Kinder sein und verstehen darunter auch, dass es da keine Grenzen gibt. Ich glaube, dass das viele scheuen. Auch, weil sie nach einem langen Arbeitstag möglicherweise müde, überlastet oder ausgelaugt sind.

Warum wird das Thema Sucht oft so emotional diskutiert?

Weil jeder Mensch sofort bestimmte Bilderdavon im Kopf hat. Ich denke, dass innerhalb der Suchtabhängigkeit oft unbewusst eine Art Reihung vorgenommen wird. Als würde es eine “gute” Abhängigkeit geben und eine “schlechte”. Am Schlimmsten ist die Drogenabhängigkeit, dann kommt die Alkoholabhängigkeit, dann die Medikamente und so weiter.

Woher kommt das?

Das hat auch damit zu tun, wie gesellschaftspolitisch mit dem Thema Sucht umgegangen wird. Ob wir wirklich frei über Genuss, Missbrauch und Abhängigkeit reden können.

Wo liegt das Hauptproblem in der derzeitigen Drogenpolitik?

Sucht ist eine Krankheit und wird von der WHO als solche anerkannt. Keine andere Krankheit wird gleichzeitig mit strafrechtlich relevanten Tatbeständen diskutiert. Natürlich ist es wichtig, sich mit den Auswirkungen einer Krankheit, z. B. den Kosten von gesundheitsbezogenen Maßnahmen, auseinander zu setzen, aber man setzt sie nicht sofort mit Kriminalisierung und Strafgesetzen gleich.

Mit ihrem integrativen Projekt gabarage leisten Sie einen Beitrag dazu, Suchtabhängige wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Wie steht es um gabarage in Zeiten der Wirtschaftskrise?

Gabarage kostet ungefähr eine Million Euro im Jahr. Davon sind heuer 200.000 Euro selbst zu erwirtschaften. Das werden wir nur sehr schwer bis gar nicht erreichen. Wir haben vorher noch nie Großaufträge gehabt, die abgesagt wurden. Im ersten Halbjahr waren es jetzt schon drei.

Wirkt sich die Wirtschaftskrise auch auf die Suchtproblematik aus?

Eine unserer Vermutungen, die wir aber noch nicht belegen können, ist, dass alkoholkranke Menschen in Zukunft eher scheuen werden, länger auf stationäre Therapie zu gehen.

Warum?

Der durchschnittliche Alkoholentzug dauert 8 bis 12 Wochen. Die Leute werden versuchen, einen stationären Aufenthalt so lange wie möglich vermeiden, weil sie Angst um ihren Arbeitsplatz haben. Wenn doch, dann werden sie schauen, dass der Aufenthalt kürzer ist, damit man ihn im Urlaub unterbringt.

Die Anzahl an Süchtigen nimmt nicht zu?

Wir können nicht bestätigen, dass wir aufgrund der Wirtschaftskrise einen Ansturm von Leuten hätten, die übermäßig trinken weil sie ihren Job verloren haben.

Ein neuer Trend, vor allem unter Studenten, ist die Einnahme von Ritalin zur Leistungssteigerung. Hat Ritalin das Zeug zur Droge des 21. Jahrhunderts?

Leistungsfähigkeit ist in unserer Gesellschaft ein wichtiges Thema und die Menschen haben unterschiedliche Strategien, wie sie ihre Leistung steigern. Ich kann nicht unterstreichen, dass das die Droge ist. Wenn, würde ich sagen, dass das Thema Medikamentenmissbrauch an sich ein zunehmendes Problem darstellt.

Ritalin und das Drogenersatzmittel Substitol sind verschreibungspflichtige Medikamente und werden dennoch am Schwarzmarkt gehandelt. Liegt das Problem bei den Ärzten?

Schwarze Schafe gibt es überall. Die gibt es bei den Konsumenten, die kann es möglicherweise auch bei den Ärzten geben. Die Ärzte, mit denen ich im Laufe der Jahre zu tun gehabt habe, tun das, was neben den wissenschaftlichen Erkenntnissen state of the art und gelebte Praxis ist. Außerdem gibt es für sie klare Verschreibungs- und Fortbildungsrichtilinien.

Warum kommt es dann trotzdem immer wieder zum Verkauf von Substitutionsmitteln am Schwarzmarkt?

Es gibt Menschen, die sie verkaufen, weil sie lieber etwas anderes dafür konsumieren wollen. Teilweise decken sie davon aber auch ihren täglichen Lebensbedarf, wie etwa Essen und Trinken. Wenn ich als Abhängiger die Wahl habe, irgendwo stehlen zu gehen, mich zu prosituieren oder einen Teil meines Substitutionsmittel zu verkaufen, um mir damit auch andere Dinge als Drogen zu finanzieren, dann ist das etwas, was einem die Möglichkeit bietet, auf andere Art und Weise Geld zu verdienen.

Aus welchem Grund sollte man sein Substitutionsmittel eintauschen wollen?

Diese Mittel sind nicht für den intravenösen Konsum gedacht. Dieser ist aber ein wichtiges Thema für viele Abhängige. Neben der veränderten Wirkungsweise geht es häufig auch um das “sich spüren”, das Ausloten von körperlichen Grenzen, Selbstverletzung. Um zu dieser Art von Konsum zu kommen, können Abhängige sehr kreativ sein.

Inwiefern?

Es werden zum Beispiel immer wieder “Gspuckte” konsumiert, also Substitutionsmittel, die nach Einnahme in der Apotheke wieder herausgebrochen werden. Das ist natürlich nicht im Sinne dieser safer use-Praktiken.

Wird es irgendwann möglich sein, das Suchtzentrum im Gehirn auszuschalten, und ist das die ideale Lösung der Suchtproblematik?

Ich lebe gerne in einer Gesellschaft, die lebendig ist, in der alles vertreten ist. Das heißt nicht, dass mir alle Seiten gefallen oder dass ich mit allem einverstanden bin. Ich bräuchte z. B. keinen zunehmenden Rechtsradikalismus. Für mich wäre es eine Horrorvorstellung, wenn es möglich wäre, Verhalten im Gehirn durch irgendwelche Maßnahmen auszuschalten. Das würde dann auch die Möglichkeit eröffnen, Menschen ganz bewusst steuern zu können und das halte ich für gefährlich.

Gibt es etwas, wonach Sie süchtig werden könnten?

Reisen wär schon eine Sucht, die ich mir vorstellen könnte.

 

 

   
   
     
     
 

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