Das Magazin Die Interviews Noch Fragen?

Das Interview

Das Interview

   

 

Daniela Iraschko
„300 Euro für einen Sieg“

Interviewt von Michael Weiß

 

 

Noch Mitte der 90er Jahre haben männliche Experten behauptet, dass Frauen beim Schispringen die Gebärmutter platzen könnte. Hast du Schmerzen?

Iraschko (lacht): Als ich zum letzten Mal beim Frauenarzt war, hat noch alles gepasst. Typisch Männer. Gebärmutterneid, würde Freud sagen.

Hast du Kontakt zu den männlichen Kollegen?

Man trifft sich immer wieder beim Training. So viele
Schanzen gibt es halt nicht und dann läuft man sich einfach über den Weg. So richtig freundschaftlichen Kontakt haben wir aber kaum.

Bist du eifersüchtig angesichts des Hypes, der jetzt zum Beispiel um Gregor Schlierenzauer herrscht?

Natürlich denkt man sich manchmal: Eigentlich hätte
ich ein Mann werden sollen, dann bräuchte ich mir jetzt
keine Sorgen mehr über die Zukunft zu machen. Aber
man kann auch nicht erwarten, dass sich das von heute
auf morgen ändert. Und Österreich war ja immerhin das
erste Land, in dem die Schispringerinnen in den Schiverband aufgenommen wurden.

Wie bist du selbst zum Schispringen gekommen?

Ich hatte das Glück, dass ich in meinem Heimatort Eisenerz die Sprungschanze quasi direkt vor der Nase hatte. Meine Eltern musste ich noch überzeugen. Die haben am Anfang gemeint, dass ich eh schon Fußball spiele und den Schas nicht auch noch anfangen sollte.

Wie hast du sie dann doch überzeugt?

Zwischendurch habe ich eh immer wieder aufgegeben, obwohl es wirklich ein großer Traum war. In der
Sporthauptschule ist mir dann das Langlaufen nach einem Jahr zu fad geworden. Ich bin dann einfach überall runtergesprungen und habe dauernd meine Schi ruiniert.

Mit den Langlaufschiern über die Schanze?

(lacht) Ja, über die kleine schon. Das hat zwar nie jemand gestanden, aber probiert haben wir es.

Auf deiner Homepage stellst du dich unter anderem als Feministin vor. Ist Frauen-Schispringen für dich ein feministisches
Statement?

Das schwingt schon mit, ja. Am Anfang, mit elf Jahren,
natürlich noch nicht. Ich würde das aber gar nicht auf das Schispringen beschränken. Frauen werden ja in fast jeder Sportart diskriminiert.

Inwiefern?

Hauptsächlich über positive Diskriminierung. Die Frauen
werden ganz anders präsentiert und vermarktet als die
Männer. Während die Männer über ihre Sportlichkeit und
Muskelkraft verkauft werden, funktioniert das bei den
Frauen oft über einen Status als Sexobjekt. Zum Beispiel werden im Frauentennis die Röcke immer kürzer.

Das hängt mit der Vermarktung zusammen?

Ich denke schon. Ich bin mir auch sicher, dass es für
Sportlerinnen, die nicht so gut ausschauen wie andere,
schwieriger ist, an Sponsoren zu kommen. Bei Männern
geht es da eher um ihre Männlichkeit.

Du spielst Fußball, studierst Pädagogik und bist eine der besten Schispringerinnen der Welt. Wie bringst du das alles unter einen Hut?

Ich habe sogar relativ viel Freizeit. Im Winter konzentriere ich mich hundertprozentig aufs Schispringen und habe daher mehr Freizeit als im Sommer, wenn Fußball und Studium dazu kommen. Da herrscht Tohuwabohu.

Aber im Sommer wird doch auch gesprungen?

Ja, aber weit nicht so oft. Und das Training kann ich mir
selbst einteilen. Aber als Studentin bin ich halt nicht
gerade vorbildhaft. Wenn ich mich irgendwo anmelde,
flieg ich meistens raus, weil ich die Hälfte der Termine
einfach nicht wahrnehmen kann.

Der Studienabschluss ist also noch nicht in Sicht?

Ich mache mir da keinen Stress. In zwei, drei Jahren will ich aber schon fertig sein.

Wie stellst du dir deine berufliche Zukunft vor?

Das ist eine gute Frage. Ich will dem Sport schonerhalten bleiben. Aber nicht unbedingt in einem etablierten Team, sondern eher in der Aufbauarbeit. Ein neues Team aufbauen, vielleicht mit Mädels aus ganz Österreich, das wäre schon interessant.

Verdienst du am Schispringen?

Ich habe immer mehr draufgezahlt, als es abgeworfen hat. Bei den lächerlichen Preisgeldern geht das nicht anders.

In welcher Höhe kann man sich die Prämien vorstellen?

300 Euro gibt es für einen Sieg. In Japan ein bisschen
mehr, da bekommt man 600 Euro.

Wie kann man sich da überhaupt noch motivieren?

Natürlich ist das schwer. Ich habe mich irgendwann gefragt, warum ich das eigentlich mache und mir gedacht,dass ich mich unter Wert verkaufe. Ich habe dann auch revoltiert, war also sicher nicht die einfachste Athletin. Deswegen habe ich ja dann auch aufgehört.

Du wurdest doch suspendiert, oder?

Ja, das auch. Wegen dem Fußballspielen. Zu hohe Verletzungsgefahr. Da habe ich beschlossen, mit dem Springen aufzuhören.

Trotz WM?

Ja. Es war mir schon wichtig, aber ich wollte meine
Fußballmannschaft nicht im Stich lassen. Ich habe dann
einfach gespielt und versucht, es zu vertuschen, leider
ohne Erfolg. Und dann wurde ich suspendiert.

Warum warst du dann doch bei der WM?

Ich habe mich im Sommer überreden lassen, einfach ein paar Sprünge zum Spaß zu mahcen. Wenn es nicht funktioniert hätte, wäre es auch einfacher gewesen, endgültig aufzuhören. Aber dann waren die Sprünge einfach super und ich musste die Entscheidung noch einmal überdenken. Wahrscheinlich weil nur das Springen im Vordergrund stand und nicht alles andere. Ich habe mir dann das Training selbst organisiert, bis auch der Verband kapiert hat, dass ich mir nichts vorschreiben lasse.

Der ÖSV hat dich aber auch als einzige wirkliche Medaillenhoffnung für die WM gebraucht.

Ja schon. Aber manchmal muss man sich wohl einfach
um danach wieder gut zusammenarbeiten zu
können. Der Verband ist Leute gewöhnt, deren Leben nur aus Sport besteht. Ich wollte das anfangs auch, hatte aber die Möglichkeiten nicht und mir deshalb auch andereDinge aufgebaut. Eben das Fußballspielen oder das Studium. Die will ich jetzt nicht einfach an den Nagel
hängen.

2010 wird es kein olympisches Damen-Schispringen geben. Hältst du 2014 für wahrscheinlich?

Ich gehe eigentlich davon aus. Es würde sogar 2010 schon gehen, aber die FIS ist der Meinung, dass es zu früh wäre. Darüber rege ich mich aber schon gar nicht mehr auf. Bei der WM 2011 wird es einen Teambewerb geben, einen Weltcup hoffentlich auch bald. Im Moment geht also wirklich einiges voran. 2014 ist, denke ich, fix. Nur eben noch nicht entschieden.

Du bist dann 30. Willst du dann noch dabei sein?

Auf jeden Fall. Wenn es körperlich und leistungsmäßig
passt, will ich auf jeden Fall bis dahin weitermachen.
Ich habe mein Limit noch nicht erreicht, sowohl was
das Springen angeht, als auch konditionell. Vielleicht
lasse ich mich davor wieder ein halbes Jahr suspendieren (lacht).

 

 

   
   
     
     
 

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