Das Magazin Die Interviews Noch Fragen?

Das Interview

Das Interview

   

 

Alfred Komarek
„Romane schreiben ist ungesund “

Interviewt von Marlene Erhart und Michael Weiß

 

 

Die Fälle, mit denen Ihre Figur Simon Polt konfrontiert wird, sind meist relativ unspektakulär. Waren Sie jemalsversucht, einen Serienkiller oder einen Triebtäter im Weinviertel wüten zu lassen?

Nein. Das wäre ein ziemlich blöder Serienkiller. In einer
Gegend, wo jeder alles weiß und alles sieht, geht das
einfach nicht. Es sei denn, es wäre irgendein Psychopath
von dort. Aber den hätten sie auch bald einmal. Irgendein Nachbar hat was gesehen.

Strasshof liegt im Weinviertel. Dort hat Wolfgang Priklopil acht Jahre lang Natascha Kampusch eingesperrt.

Vom politischen Bezirk her liegt das im Weinviertel,
von der Landschaft und von der Mentalität her aber
kaum. Die Bevölkerung ist dort viel städtischer. Jemand
wie Priklopil ist nur mit urbanen Seelenabgründen zu
erklären. Ein Bauer wird vielleicht sein behindertes Kind
wegsperren, aber niemals aus Lustempfinden.

Inwiefern unterscheiden sich urbane und ländliche Seelenabgründe?

Der Städter hat viel mehr Möglichkeiten verbogen
und pervertiert zu sein. Am Land werden zwar gewisse
Dinge toleriert, verbergen kann man aber kaum etwas.
In der Anonymität der Stadt ist das anders. Man kann
die fürchterlichsten Eigenschaften entwickeln, ohne dass
jemand etwas merkt.

Das soziale Gefüge am Land beugt also Perversionen vor, auch wenn die Leute nicht miteinander reden?

In gewisser Weise ja. Außer es geht um akzeptierte Perversionen. Dass ein Behinderter weggesperrt und gerade mal so am Leben gehalten wird, kann schon vorkommen, weil niemand etwas sagt.

Trotzdem wirkt das Weinviertel auf den ersten Blick ein wenig fad als Schauplatz für einen Krimi. Wie kommt man auf die Idee?

Eben genau so. Eine weniger bekannte Gegend, in der die kriminelle Potenz nicht so hoch ist und vieles unter dem Teppich bleibt, ist gerade deshalb reizvoll. Einen derart verschlossenen Lebensraum kann ich viel intensiver beschreiben, wenn ich ein böses Ereignis hineinsetze.Genau in solchen Konfliktsituationen bricht die Alltäglichkeit auf und die wahren Gesichter der
Menschen kommen zum Vorschein.

Hat sich die Gegend verändert, seit Sie darüber
schreiben?

Sehr stark. Dieses enge soziale Gefüge im Dorf zerflattert immer mehr, die Leute ziehen weg, die Kellergassen sind viel weniger belebt. Der Polt bekommt zu spüren, dass er und seine Welt langsam zu Fossilien werden.

Trauern Sie selbst auch um das Weinviertel?

Ja schon. Meine Freunde sterben nach der Reihe, meine
benachbarten Keller und Presshäuser verwaisen. Aber ich bin kein Nostalgiker, der dem nachweint. Es gibt auch positive Veränderung.

Welche?

Es entsteht eine neue Generation im Dorf, die viel
lockerer miteinander umgeht und die alten Normen und
Regeln nicht mehr akzeptiert. Der Neid der kleineren
Bauern auf die größeren, der so typisch für das Weinviertel war, bricht auf.

Bringen erst schwierige Situationen die Leute zusammen?

Ich glaube schon. Das sieht man auch an der österreichischen Politik. Die funktioniert offenbar nur, wenn es Probleme gibt. Das haben die Österreicher schon an sich: Wenn es hart auf hart kommt, siehe Finanzkrise, gibt es gschwind einmal keine Gegensätze mehr. Kaum geht es leichter, hacken sie wieder aufeinander herum.

Braucht ein Krimi ein gewisses Maß an Gewalt oder Blut, um erfolgreich zu sein?

Sicher nicht. Es wird dadurch nicht einmal spannender.
Es muss nicht unbedingt ein Mord passieren, aber schon
etwas Ernsthaftes. Die Zeit der englischen Kreuzworträtselkrimis, in denen der Lady Sowieso das Taschentuch geklaut wird und das dann 280 Seiten lang mit furchtbar charmanten und brillanten Dialogen aufgeklärt wird, ist vorbei.

Seit Jahren sind die Bestseller-Listen voll von Krimis aus dem skandinavischen Raum. Leben dort die besseren Krimi- Schreiber?

Henning Mankell ist es gelungen, eine Marke zu werden,
die anderen schwimmen im Kielwasser mit. Es fällt aber
durchaus auf, dass gute Krimi-Autoren oft aus verklemmten Gesellschaften kommen. Siehe angelsächsischer Raum, siehe Skandinavien, mit langen Wintern und ruhig ausgetragenen Konflikten mit unglaublichen seelischen Unruhen dahinter.

Mögen Sie Mankell?

Durchaus. Ich glaube, er ist schon einer mit einer angeborenen Pratzn zum Schreiben.

Haben Sie schon mal CSI gesehen?

Manchmal unfreiwillig. Es gibt in Wien ja kaum noch
ein Lokal ohne Bildschirm. Zur akustischen Umweltverschmutzung und Vergewaltigung kommt jetzt auch noch die optische dazu. Ich werde dauernd von bewegten Bildern angeschrien, die mich nicht interessieren.

Ist diese optische Aufdringlichkeit notwendig, weil die Geschichten so schlecht sind?

Bei schlecht gemachten Produktionen sicher. Da muss
alle 20 Sekunden etwas passieren, weil sonst die Leute
wegzappen, wie man so schön auf Neudeutsch sagt.
Es gibt aber auch gschwinde, laute und trotzdem gute
Sachen.

Lesen Sie selbst schnelle Krimis?

Durchaus. Wenn es gut gemacht ist, hat auch das seine
Berechtigung. Aber nur gschwind und nur laut ist zu
wenig. Da muss schon eine gute Geschichte dahinter sein oder eine gekonnte Form, die konsequent durchgezogen wird.

Apropos Geschwindigkeit: Auf Ihrer Homepage
schreiben Sie von Ihrer permanenten Freude zur Veränderung. Wie äußert sich die?

Etwa darin, dass ich mir den Luxus von drei Wohnsitzen
leiste. Ich wohne hier in Wien, im Weinviertel und im
Salzkammergut. Diese drei Welten verändern sich ständig und ich verändere mich und schaue mir dabei zu.

Und auf Ihre Arbeit bezogen?

In einem gewissen Mut zum Risiko. Wenn ich immer
nur das schreibe, wovon ich weiß, dass ich davon 3.000
Bücher verkaufe, dann werde ich nie 20.000 verkaufen.
Natürlich stellt sich auch eine gewisse Bequemlichkeit
ein, aber nachdem ich auch die misstrauisch beäuge, versuche ich, sie mir wieder abzugewöhnen.
Es wäre vermutlich bequem, weil erfolgversprechend, den Punkt hinter dem fünften Polt doch nicht so ernst zu nehmen.

Besteht diese Möglichkeit?

Roman kommt sicher keiner mehr. Ich habe alle Figuren, die mir wichtig waren, so abgeschlossen, dass keine Fragen mehr offen bleiben. Der Polt erkennt auch selbst am Ende des Buches, dass er mittlerweile unnötig ist.

Steht ein anderes Genre zur Debatte, wenn tatsächlich kein Roman mehr kommt?

Was ich mir schon vorstellen könnte, wäre ein Band mit
Polt-Kurzgeschichten, also eine ganz andere Form. Es
muss sehr schnell etwas passieren, sehr schnell wieder
aufgelöst werden, darf aber trotzdem nicht banal sein. Romane
werde ich aber sicher keine mehr schreiben.

Warum nicht?

Erstens weil es schlichtweg ungesund ist. Ich schreibe
sehr schnell und intensiv, drei Monate lang fast Tag und
Nacht. Erst vor Kurzem habe ich mich furchtbar aufgeregt, dass beim Mittagessen kein Mittagsjournal im
Radio war. Dann bin ich draufgekommen, dass es erst
neun Uhr in der Früh war.

Und zweitens?

Zweitens spielt auch eine gewisse Angst mit. Den altersbedingten Verlust an Kreativität kann man mit viel
Übung zwar kompensieren. Die Gefahr, dass man einen
schlechten Roman schreibt, besteht aber trotzdem. Auf
meine alten Tage möchte ich nicht noch die Watschen der Kritik einstecken müssen. Kleinere Formen traue ich mir aber schon noch eine Weile zu.

Zum Beispiel?

Vor Jahren schon ist mir bei meinen Reisen aufgefallen,
dass europaweit die Schafe dem Nationalcharakter entsprechen. Schauen Sie sich einmal ein österreichisches Schaf an. Das schaut lieb, harmlos und ein bisserl blöd. Ein deutsches Schaf schaut vierschrötig und tüchtig aus, wie ein Generaldirektor nach dem Mittagessen. Ein spanisches steht ausgemergelt und hager irgendwo in der Pampa. Das ist unglaublich.

Das meinen Sie ernst?

Ja, den Fotografen habe ich schon gefunden. Ich schreibe nicht mehr als 20 oder 30 Sätze über das jeweilige Schaf. Das sollte reichen, um deutlich zu machen, dass es in Wirklichkeit um das Land geht.

Im Herbst soll der neue Polt erscheinen. Wollen Sie uns verraten, was passiert?

Die Gendarmerie, und auch den Polt als Gendarmen, gibt es nicht mehr. Wenn im Dorf etwas passiert, für dessen Auflösung man die soziale Geografie kennen muss, tritt aber trotzdem sein Gerechtigkeitssinn wieder hervor. Vor allem wenn ein abgehobener Polizist daherkommt und sich wie die Axt im Walde aufführt.

Werden Sie Polt vermissen?

Ja, schwerst. Genauso wie den Daniel Käfer, den Hauptdarsteller meiner Salzkammergut-Romane. Der war mir ehrlich gesagt sogar noch lieber als der Polt, weil er die komplexere Figur war. Der Polt ist ein eindeutiger Mensch. Wenn man ihn kennt, weiß man, wie er in gewissen Situationen handeln wird.

Warum sind die Polt-Bücher so erfolgreich, wenn er doch eigentlich so vorhersehbar handelt?

Vielleicht weil sie einen klaren Gegensatz zu der vorherrschenden Flut der immer schneller werdenden Krimis und Thriller bilden. Ich kann in so einer langsamen Gegend auch nur einen langsamen Roman ansiedeln.

Welche Qualitäten hat Simon Polt von Ihnen geerbt?

Der hat eher meine Fehler. Ein ungeheures Harmoniebedürfnis, eine Konfliktscheue, die bis zur Blödheit oder Feigheit reicht. Er senkt erst seine Hörner und geht zum Angriff über, wenn ihm überhaupt nichts anderes mehr übrig bleibt.

Wie eng ist Ihr Verhältnis zu Ihren Charakteren?

Sehr eng. Wenn es ihnen schlecht geht, geht es mir
genauso schlecht. Ich muss mich dann immer zusammenreißen, dass ich nicht zu schnell mit dem Kapitel aufhöre, damit das Elend vorbei ist.

Wird der neue Polt wie die vorigen Bände verfilmt?

Alles andere würde weder der Zuschauer noch irgendeine Zeitung verstehen. Immerhin ist der Polt der größte Fernseh-Spielfilm-Erfolg der letzten 15 Jahre.

Die Verfilmungen wurden als viel depressiver als die Bücher kritisiert. Sehen Sie das auch so?

Nein. Die Romane sind genauso finster und langsam wie
die Filme, nur kann man sich beim Lesen vieles schöner
denken. Die Leute haben mehr Idylle hineininterpretiert,
als vorhanden war. Ein Film lässt der Fantasie keinen
Ausweg.

 

 

   
   
     
     
 

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