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Das Interview

Das Interview

   

 

Olugbenga Oduala
„Meine Hautfarbe ist mein Joker “

Interviewt von Peter Babutzky

 

 

Herr Oduala, was hat Sie ausgerechnet nach Österreich geführt?

Ich wollte nach Österreich, weil Menschen aus der sogenannten „Dritten Welt“ hier gratis studieren durften.
In der Schweiz, meiner ersten Station in Europa, war das anders. Man brauchte für ein Studium einen reichen Onkel oder einen reichen Vater – die hatte ich aber nicht.

Konnten Sie Deutsch?

Kein Wort. Ich habe ein Wort im Flieger gelernt und das
war „danke“. Erst an der Uni Wien und am Goethe-Institut habe ich Deutsch gelernt. Außerdem musste ich hier noch die österreichische Matura nachholen, weil meine Matura aus Nigeria nicht anerkannt wurde.

Nach heutiger Gesetzeslage müssten Sie sogar mehr Studiengebühren zahlen als österreichische Staatsbürger und EU-Bürger. Außerdem würden Sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit keine Aufenthaltsgenehmigung bekommen, weil Sie ein
sogenannter „Wirtschaftsflüchtling“ sind...

Da bin ich mir nicht sicher.

Nicht sicher? Warum?

Wissen Sie: Ich kriege, was ich will (lacht).

Vielen Asylsuchenden geht es aber nicht so. Warum geht die Entwicklung immer mehr in Richtung Abschottung?

Ich begründe es so: Ich lade einen zu mir zum Essen
ein. Das ist kein Problem. Aber wenn statt einem gleich
mehrere Menschen kommen, wird das für viele ein
Problem. Ich glaube, dass die abwehrende Reaktion sehr
menschlich ist.

Also ist alles o.k.?

Nein, das Problem ist nicht, dass jemand behauptet,
dass es zu viel Zuwanderung gibt, sondern die negative
Stimmung, die von politischen Gruppen und Medien
gemacht wird. Man kann Probleme, die es mit Migration
gibt, auch sachlich erklären. Medien und politische
Gruppen üben aber einen sehr starken Einfluss auf die
Meinungsbildung aus. Viele sagen dann lieber: Weg mit
den Ausländern!

Warum schaffen politische Gruppen und die Medien Ihrer Meinung nach solche Feindbilder?

Ich bin kein Psychologe. Aber es gibt immer fremdenfeindliche Menschen. Überall auf der Welt – auch in Nigeria. Die politischen Gruppen wollen mit ihrer rassistischen Hetze mehr Stimmen gewinnen. Die Medien wiederum schaffen diese Feindbilder nicht, aber sie berichten sehr viel über ausländerfeindliche politische Gruppen und verstärken dadurch deren Aussagen.

Sie haben nach der Matura an der Technischen Universität in Wien studiert. Wurden Sie dort akzeptiert?

Es hat natürlich Probleme gegeben. Zum Beispiel haben
mir manche Professoren schlechtere Noten gegeben, als
ich verdient hätte. Andere waren wiederum erstaunt, dass ich überhaupt antworten konnte, so dass ich sogar bessere Noten bekommen habe. Ich habe Diskriminierung gespürt und gesehen. Diese Wehwehchen waren für mich aber nicht maßgebend. Wenn von zehn Leuten acht in Ordnung sind, konzentriere ich mich eben nicht auf die zwei, die mit mir nicht korrekt umgehen, sondern auf die positive Mehrheit.

Blenden Sie damit nicht die Realität aus?

Wenn es einen Berg gibt, muss ich ihn überwinden. Dasselbe habe ich mit den Skinheads auf der Straße gemacht. Da gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder nehme ich es mit ihnen auf oder ich mache einen Bogen um sie. Ich bin ihnen immer aus dem Weg gegangen. Was nutzt mir die Konfrontation? Ich will mein Ziel erreichen und mir nicht von solchen Leuten den Weg verstellen lassen.

Sie haben während Ihrer Studienzeit als Tellerwäscher und Schneeräumer gearbeitet. Haben Sie in diesen Berufen mehr Rassismus erlebt als in der sogenannten „Bildungselite“?

Nein. Die Prozentzahl von Rassisten ist in der obersten
und untersten Klasse annähernd gleich. Der Unterschied liegt in der rassistischen Methode. In den unteren Klassen bekommt man Rassismus verbal zu spüren. Je weiter nach oben man kommt, desto feiner ist die Rassismus-Show. Ich habe mich aber nie versteckt. Meine Hautfarbe ist mein Joker.

Ein Joker?

Zum Beispiel: Jemand schreibt ein Projekt aus und
PORR bewirbt sich. Man erwartet viel von einem österreichischen Unternehmen – aber keinen Schwarzen. Wenn ich dann den Verhandlungssaal betrete, sind die Leute erst mal irritiert. Vielen imponiere ich dann durch mein Können und meine Menschlichkeit. Im Grunde habe ich mehr Vorteile als Nachteile durch meine Hautfarbe.

In einigen österreichischen Medien wird über Nigerianer vor allem dann berichtet, wenn es um Drogenhandel geht. Hat man Sie schon mal um Drogen gebeten?

Ja sicher. Das ist nichts Außergewöhnliches. Wenn ich
früher am Abend in der Disco war, wurde ich oft auf
Drogen angesprochen. Ich kenne aber nicht einmal alle
Bezeichnungen für die unterschiedlichen Drogen. Auch
wenn es für viele fast unglaubwürdig klingt, wenn ein
Nigerianer nicht einmal weiß, wie das ganze Zeug eigentlich heißt.

Wie reagieren Sie auf solche Anfragen?

Ich sage einfach, dass ich keine Drogen habe. Ich kann
diesen Leuten aber auch nicht böse sein. Die fragen mich ja danach, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass ein Nigerianer Drogen hat. Es ist zum Teil ja auch leider so. Natürlich sind nicht alle Nigerianer Drogenhändler. Der Bevölkerung das zu sagen, ist aber sehr anstrengend.

FPÖ und BZÖ argumentieren, dass Wirtschaftsflüchtlinge das österreichische Sozialsystem ausbeuten. Sie sind das lebende Gegenbeispiel. Was sagen Sie denn solchen Leuten?

Das ist alles Schwachsinn. Ich liebe Österreich. Ich bin
mit einer Wienerin verheiratet. Meine Kinder sind selber
Österreicher. Im Baugewerbe ist außerdem eines klar:
Ohne sogenannte Ausländer müssten alle österreichischen Baufirmen zusperren. Dasselbe gilt für die Gastronomie und den Pflegebereich. Ich persönlich habe mich auch noch nie als Ausländer betrachtet. Ich bin ein Nigerianer, der auch die österreichische Staatsbürgerschaft hat. Aber ich bin doch kein Ausländer. Ich bin ein Weltbürger. Ich fühle mich überall wohl.

Der Kärntner Landeshauptmann Gerhard Dörfler
erzählt schon mal einen „Negerwitz“. Lustig, oder?

Wenn ein ganz normaler Bürger so einen Witz erzählt,
habe ich nichts dagegen. Über irgendjemanden macht
man sich bei Witzen ja immer lustig. Es gibt auch Burgenländerwitze. Aber jemand wie der Kärntner Landeshauptmann muss wissen, dass er solche Sachen nicht frei von der Leber weg erzählen kann. Ich weiß auch nicht, was er damit bezwecken will.

Verletzt Sie so etwas?

Nein. Dann soll er mich halt Neger nennen, er kann
sagen was er will – so etwas lässt mich kalt.

Ist das Leben für einen Afrikaner, seit Sie in Österreich sind, leichter oder schwerer geworden?

Schwerer! Eindeutig.

Wie äußert sich das?

Man braucht unheimlich viel Energie, um hier ein normales Leben führen zu können. Wenn man schwarz ist, ist es nicht leicht eine Wohnung oder Arbeit zu bekommen. Ich rede nicht von mir. Ich behaupte, dass ich immer kriege, was ich will. Diese Energie haben aber nicht alle.

Stellen Sie sich vor: Sie können eine Sache in Österreich verändern. Was wäre das?

Die Frage ist unrealistisch. Aber wenn es so leicht wäre,
würde ich Diskriminierungen abschaffen.

Wie können Diskriminierung und Rassismus dann
realistischerweise bekämpft werden?

Rassismus kann in Wirklichkeit nur von den sogenannten
Ausländern selbst bekämpft werden – also von den
Opfern. Sie müssen ihr eigenes Schicksal in die Hand
nehmen. Sie müssen zeigen, was sie können und sie müssen akzeptieren, dass sie nicht mehr in ihrem Heimatland sind. Sie sollten die Idee und die Kultur eines Landes annehmen. Natürlich nicht alles – man kann und soll nicht alles annehmen. Doch durch die Übernahme von Ideen werden die Einheimischen sie mehr und mehr
akzeptieren.

Haben Sie je an eine Rückkehr nach Nigeria gedacht? Am Anfang ja. Aber ich habe hier eine eigene Familie gegründet. Somit ist Österreich meine erste Heimat geworden und Nigeria meine „Herzheimat“. Sie haben 13 Geschwister. Sind sie alle noch in Nigeria?

Fünf sind in England und Irland. Alle anderen sind noch
in Nigeria.

Unterstützen Sie mit ihrem Gehalt Ihre Familie in
Nigeria?

Ja, sicher! Ohne meine finanzielle Unterstützung wäre es
eine Katastrophe.

Wie geht es Ihnen persönlich, wenn Sie im Fernsehen Berichte über Flüchtlingsboote vor Lampedusa oder anderen europäischen Inseln sehen?

Schrecklich. Ich weine selten, aber da weint mein Herz.
Ich weiß, dass diese Leute keine andere Wahl haben.
Das kann ein normaler Österreicher sich nicht richtig
vorstellen.

Nigeria hat enorme Ölvorkommen und Bodenschätze. Trotzdem gelingt es seit Jahrzehnten nicht, diesen Reichtum gerecht zu verteilen. Außerdem kommt es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen innerhalb der Bevölkerung. Verzweifeln Sie manchmal an dieser schier ausweglosen Situation?

Mein Vater hat immer gesagt: Wenn du die Welt verändern willst, dann schau in den Spiegel und versuche den Mann im Spiegel zu ändern – erst dann hast du Erfolg. Ich glaube von mir, dass ich diesem Grundsatz folge.

 

 

   
   
     
     
 

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