Das Magazin Die Interviews Noch Fragen?

Das Interview

Das Interview

   

 

Stefan Ruzowitzky
„Tarantino darf Nazis mit Baseball-Schlägern bearbeiten “

Interviewt von Theresa Aigner

 

 

Wie viel bedeutet es jetzt noch für Sie, den Oscar gewonnen zu haben und hat sich Ihr Leben dadurch verändert?

Beruflich hat es zur Folge, dass man ins Scheinwerferlicht gerät und auch für große, internationale Projekte ins Gespräch kommt. In Österreich hat es dazu geführt,dass ich meine Anonymität verloren habe – mit allen Vor- und
Nachteilen, die damit verbunden sind. Aber da ich mich
selber wichtig nehme, freut es mich natürlich, wenn mich andere auch wichtig nehmen.

Man sieht Sie auch vermehrt bei Society-Events.

Das einzige High-Society-Event, dessen ich mich schuldig bekenne, war der Opernball. Der Lifeball ist für mich in Zeiten, in denen es Politiker gibt, die gegen Berufsschwuchteln und Kampflesben hetzen, auch ein politisches Statement. Ich mache keine Miss-Wahlen. Ich bin zum Spargelkönig gewählt worden, ohne dass ich mich krönen habe lasse.

Wenn Sie wählen könnten, würden Sie lieber wieder zurück in die Anonymität?

Nein. Es ist ja klar, dass das auch der persönlichen Eitelkeit schmeichelt. Ich werde ja nicht erkannt, weil ich ein Massenmörder bin, sondern weil ich etwas geleistet habe. Ich bin ja auch kein Paparazzi-Opfer. Man ist bekannt, das ist ein Faktor und den kann man bewusst einsetzen.

Wie haben Sie den Patriotismus empfunden, der rund um die Oscar-Verleihung medial mitgeschwungen ist?

Das ist O.K. so, weil es hieß ja auch „And the Oscar goes to: Austria“. Elfriede Jelinek und der Nobelpreis zum Beispiel – das ist eine ganz andere Sache. Die ist eine Einzelkämpferin, während meine Arbeit mit österreichischen Steuergeldern und Fernsehgebühren finanziert wurde. Das ist eine Teamarbeit, bei der viele andere Österreicher beteiligt waren. Da ist es irgendwie klar, dass man sich da nicht so zurückziehen kann und darf. Während es bei Elfriede Jelinek sehr legitim ist. Die sitzt in ihrem Kämmerchen und schreibt und bekommt dafür einen Preis.

Fühlen Sie sich wohl in Österreich?

Vieles hier ist gro ßartig, vieles ist zum Kotzen. Und
ich fürchte, das ist überall auf der Welt so. Das große
Thema ist natürlich der rechte Rand, der immer mehr
in die Mitte wächst. Da stellt man sich die Frage: Was
machst du dagegen? Auch wenn ich jetzt ins Mikrofon
sage, dass ich diese Menschen für gemeingefährliche
Trottel halte, wird das nichts bewirken. Was man gerade
beobachten kann ist, dass diese Parteien davon leben, dass sie abgelehnt werden. Und wenn jetzt viele gescheite und seriöse Menschen sagen, wählt sie nicht, finden es gewisse Leute umso schicker die FPÖ zu wählen.

Ist es Ihnen kein persönliches Anliegen, ein Statement zu solchen Themen abzugeben?

Das mache ich eh brav und das wird auch immer wieder
irgendwo veröffentlicht. Aber auf der anderen Seite
zweifelt man halt daran, ob das wirklich zielführend ist.
Es stellt sich die Frage, ob man da nicht andere Strategien finden müsste.

Welche Verantwortung sehen Sie hier bei Filmen und Medien im Allgemeinen?

Als ich bei X-Large angefangen habe, war das zu Zeiten
des Aufstiegs von Jörg Haider. Damals haben wir uns
auch gefragt, wie man damit – natürlich soweit das das
Rundfunkgesetz zulässt – umgehen soll. Es hat keinen
Sinn zu sagen: „Leute, Haider ist blöd, wählt ihn nicht“.
Ich will junge Leute dazu bringen, selber zu denken
und dann kann ich nicht kommen und ihnen erst recht
vorschreiben, was sie machen sollen. Die Menschen müssen sich selber fragen, ob es da nicht höchst beunruhigende Parallelen zwischen der FPÖ-Ideologie und dem gibt, mit dem die Nazis einmal angetreten sind. Auch wenn das der langsamere, mühsamere Weg ist.

Gibt es Filme, die sich mit dem Holocaust auseinandersetzen, die Sie als besonders wertvoll bezeichnen würden?

Im dokumentarischen Bereich gab es natürlich großartige Dinge. Aber ich glaube, das ist eine Zeitsache. In den 70ern hat es Sinn gemacht, dokumentarisch zu arbeiten, Beweise, Zeitzeugen
und Dokumente zu zeigen und eine Gesellschaft, die an diesen Verbrechen beteiligt war, damit zu konfrontieren. Aber jetzt ist die Situation eine ganz andere. Als ich studiert habe, war jeder ältere Machthaber verdächtig, und oft genug ist man draufgekommen, dass dieser Verleger und jener Professorbei der SS war. Aber das ist heute nicht mehr der Fall. Und das war ja das erklärte Konzept der „Fälscher“, eine persönlich unbeteiligte Generation dazu einzuladen, sich mit der Geschichte, der Geschichte unserer Familien,zu beschäftigen.

Was denken Sie in diesem Zusammenhang über die antisemitische Störaktion bei der Gedenkfeier in Ebensee?

Der Direktor von Yad Vashem hat letztes Jahr in Mauthausen gesagt, dass ein Film wie „Die Fälscher“ ein
Zeichen dafür ist, dass sich in Österreich etwas wandelt.
Da muss man jetzt den Eindruck gewinnen, dass das ein
Irrtum war.

Auch Quentin Tarantino setzte sich – auf seine Art – mit dem Nationalsozialismus auseinander.
Was erwarten Sie sich von dem Film?


Das Konzept, das Nazi-Thema als B-Movie zu machen,
ist natürlich großartig. Das hätte man aber als Deutscher/ Österreicher nicht machen können. Bei Tarantino werden die Nazis mit Baseball-Schlägern bearbeitet – er darf das. Ob das aber die österreichische Jugend zu brennenden Antifaschisten machen wird, weiß man nicht. Aber hoffen wir mal.

Sie machen thematisch sehr unterschiedliche Filme. In welchem Genre fühlen Sie sich am wohlsten?

Um von Genres wegzukommen: Was bei mir anders als
bei Kollegen ist, ist, dass ich am Film sehr schätze, dass
er eine demokratische, nicht-elitäre Kunstform ist. Ich
habe es nie als etwas Makelhaftes gesehen, einen Film wie „Anatomie“ zu machen, der wirklich breitenwirksam ist. Man hört ja oft von Kritikern, dass Filme, die elitär sind, solche, die nur von den „Happy-Few“ verstanden werden, besser sein müssen als das, was jeder Putzfrau gefällt. Ich habe einerseits versucht populäre Filme zu machen, die nicht ganz blöd sind, und andererseits versuche ich art house-Filme zu machen, die auch Breitenwirkung entfalten können. Wie zum Beispiel „Die Fälscher“.

Sie haben auch sehr viele Werbefilme gemacht – wie passt das in Ihr Filmschaffen?

Werbefilme sind etwas Handwerkliches. Wenn man
Werbung schaut, weiß jeder, dass das nicht die Nachrichten sind. Wir verbreiten ja keine falschen Tatsachen. Da springt dann halt ein liebes Schweindi herum und machtStimmung für ein bestimmtes Produkt. Aber wenn ich der Welt etwas sagen will, mache ich das in meinen Filmen.

Aber Sie stoßen sich nicht daran, dass der Werbungimmer etwas Manipulatives innewohnt?

Nein. Das ist O.K. Weder belüge ich die Leute, noch
mache ich böse Schleichwerbung. Das ist eine klare
Sache in einem definierten Kontext. Werbung ist in einer
freien Marktwirtschaft Teil des Spiels. Ich habe nicht das
Gefühl, dass ich mich damit prostituiere. Filme machen
ist mein Beruf und das ist eine Spielart davon.

Wirft die Werbung nicht auch mehr ab als Spielfilme?

Gerade jetzt, wo ich warte, dass das mit den großen Hollywood- Projekten was wird, ist es sehr angenehm, nicht wirtschaftlich davon abhängig zu sein. Es ist gut, wenn man nicht alles annehmen muss, was daherkommt, weil man seine Familie ernähren muss. Es geht mehr darum, dass ich einen künstlerischen Bereich habe, in dem ich versuche möglichst viel Unabhängigkeit und Freiheit zu bewahren. Diese Freiheit muss ich allerdings woanders erkaufen. Das mache ich mit Werbung.

Welches Thema würden Sie gerne noch filmisch umsetzen?

Mir wird in der Regel eine Idee, aktuell in Amerika
ein halbfertiges Buch, vorgelegt, dann entscheide ich,
ob das für mich spannend ist. Ich komme immer in
Verlegenheit, wenn mich jemand fragt, was ich selbst
machen möchte. Ich bekomme lieber Aufgaben gestellt.
Aber im Rahmen meiner Arbeit bin ich draufgekommen,
dass die jungen Idealisten mein Thema sind. Dieser
Zwiespalt zwischen Idealismus und Pragmatismus
interessiert mich.

Und Sie – Idealist oder Pragmatiker?

(lacht) Das ist es anscheinend, worauf ich mit meinem
Filmemachen in Selbstanalyse draufzukommen
versuche.

 

 

   
   
     
     
 

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