Das Magazin Die Interviews Noch Fragen?

Das Interview

Das Interview

   

 

Daniel Tammet
„Vier ist schüchtern - genau wie ich “

Interviewt von Peter Babutzky

Jerome Tabet
 

 

Ein sanfter Händedruck. Ein leichtes Lächeln. So
begrüßt mich Daniel Tammet im Cafe l’Opera im südfranzösischen Avignon. Dass Tammet mit einem fremden Menschen redet, ist für ihn keine Selbstverständlichkeit. Tammet hat Autismus. Fremde Menschen machen ihn nervös. Jemandem die Hand zu geben, ihm in die Augen zu schauen, musste er erst jahrelang lernen. Gleichzeitig ist Tammet ein Genie, ein Savant – ein Wissender. Sein Autismus ist Fluch und Segen zugleich. Doch in seiner Kindheit war seine „Krankheit“ vor allem eins: eine Belastung. Als Baby weinte er ununterbrochen, schlug seinen Kopf gegen Wände. Mit drei Jahren brachte ein schwerer epileptischer Anfall sein Savant-Syndrom, und damit seine Genialität, zum Vorschein. Als Kind begann
er zu rechnen: 82 x 82 x 82 x 82 = ? – nach zehn Sekunden wusste er die Antwort. In der Schule blieb er einsam. Er war ein schüchterner, zurückgezogener Junge.

Von sozialen Problemen merkt man heute nicht mehr
viel. Tammet spricht in schönstem Oxford-English.
Er redet wie gedruckt, stockt und stottert nicht. Er wirkt
jünger als 30 Jahre. Wenn Tammet über die negative
Seite seines Autismus spricht, wenn er über die schwarzen Tage seiner Kindheit berichtet, dann fällt sein Blick immer wieder auf Jerome – seinen Lebensgefährten, der mit uns am Tisch sitzt. Er ist heute seine Stütze.

Früher waren Tammets Eltern und seine acht Geschwister sein einziger Anker. Sie sahen in ihm nicht das seltsame Kind, sondern den großen Bruder. Die Mutter war Sekretärin. Der Vater Stahlarbeiter, der das ganze Leben an Epilepsie litt und schließlich auch daran starb. Trotz seiner Scheu schaffte Tammet mit 18 Jahren die Schule und wagte einen gewaltigen Schritt: Er ging nach Litauen, um dort Englisch zu unterrichten. Die Fremde tat ihm gut. Er fand Freunde, ging ins Kino – er lernte zu leben. Zurück in England begegnete er seiner ersten großen Liebe: Neil Mitchell. „Ich wusste schon in meinerJugend, dass ich schwul bin und das fühlt sich für mich total richtig und natürlich an“, sagt Tammet im Interview. Gemeinsam gründeten sie die e-learning Plattform „Optimnem“, auf der sie Sprachkurse anboten. 2006 veröffentlichte Tammet seine Memoiren „Born on a blue day“ und wurde damit schlagartig berühmt. Doch seine Beziehung mit Neil Mitchell scheiterte. Heute lebt Tammet in Avignon – mit seiner neuen Liebe Jerome, den er während des Interviews nicht aus den Augen lässt: „Ob er heute glücklich ist?“, frage ich. „Ja, Glück bedeutet für mich frei zu sein. Und ich fühle mich frei.“

Herr Tammet, Sie sprechen zwölf Sprachen, habenDeutsch in nur einer Woche gelernt und sind dazu noch ein Rechengenie. Sind manche Menschen neidisch auf Sie?

Neidisch? Vielleicht. Aber ich könnte ja auch auf viele
Menschen neidisch sein. Zum Beispiel kann ich aufgrund
meines Autismus nicht Auto fahren, weil ich mich nicht
auf verschiedene Dinge gleichzeitig konzentrieren kann. Außerdem kann ich mir Gesichter nur schwer merken.

Warum fällt Ihnen das Erkennen von Gesichtern schwer?

Die menschliche Mimik ist extrem komplex. Mit jedem
Ausdruck verändert sich das Gesicht eines Menschen. Ich habe sogar Probleme Freunde und Verwandte zu erkennen. Darum habe ich Fotos von all meinen Freunden, die ich mir immer wieder anschaue, um die Menschen dann zu erkennen.

Sie hatten als Kind auch Probleme Freunde zu finden.

Ja, ich habe als Kind noch nicht gewusst, dass ich
irgendwie anders bin. Ich war immer ein Außenseiter,
was sehr schmerzhaft und frustrierend für mich war. Als
Kind möchte man ja vor allem eins: Mit anderen Kindern
spielen und viele Freunde finden. Durch meine autistische Erkrankung hatte ich aber große soziale Probleme. Ich konnte darum nur schwer Freunde finden und wusste einfach nicht warum.

Nun sind Sie kein Außenseiter geblieben. Sie führen eine glückliche Beziehung und haben viele Freunde. Wie haben Sie Ihre Probleme überwunden?

Ich habe die anderen Kinder damals einfach beobachtet
und mir ihr soziales Verhalten eingeprägt. Zum Beispiel
ist ein Gespräch eine enorm schwierige Sache. Man muss merken, wann der andere mit seinem Satz fertig ist. Mansollte Augenkontakt halten und dann auch noch die Körpersprache beachten. Was für andere sehr leicht ist, musste ich erst lernen. Als Kind habe mich in die Welt der Zahlen geflüchtet.

Die Welt der Zahlen?

Zahlen sind für mich etwas Schönes. Ich sehe sie in unterschiedlichen Farben, Formen und Schatten. Ich visualisiere sie, was man in der Fachsprache Synästhesie nennt. Jede Zahl zwischen eins und 10.000 hat für mich eine eigene Persönlichkeit. Welche Zahlen beeindrucken Sie denn am meisten? Elf ist für mich eine richtig schöne Zahl. Sie ist glänzend und freundlich. Vier ist hingegen introvertiert und schüchtern. Mit dieser Zahl konnte ich als Kind sehr gut spielen, da ich mich mit der Zahl vier identifiziere.

Die Visualisierung von Zahlen hat Ihnen auch bei einem Europarekord geholfen. Sie haben die Zahl „Pi“ bis zur 22.514 Stelle nach dem Komma auswendig aufsagen können.

Ja, richtig. Aber auswendig ist das falsche Wort. Ich
nutze die Visualisierung von Zahlen und schaffe mir
dadurch eine Art Landschaft, die ich vor meinem
inneren Auge sehe. So habe ich mir auch die Zahl "Pi" eingeprägt und wiedergegeben.

Wie wichtig ist Ihnen dabei Perfektion? Sie haben keinen einzigen Fehler bei diesen 22.514 Stellen gemacht.

Natürlich wollte ich, dass es makellos ist. Die Zahl „Pi“
ist unglaublich schön. Wenn ich einen Fehler gemacht
hätte, hätte ich diese Schönheit zerstört. Wenn man ein
Stück aus einem Gemälde rausschneidet, dann ist es auch weniger schön.

Zahlen sind aber nicht Ihr einziges Spezialgebiet. Sie haben Deutsch und Isländisch in nur einer Woche gelernt. Wie machen Sie das?

Das Wichtigste ist, keinen Stress zu haben. Ich lese mir
Kinderbücher laut vor und versuche meiner Intuition zu
folgen. Und vor allem lerne ich eine Sprache anders als in der Schule.

Warum? Lernt man in der Schule falsch?

Ja. Es hat keinen Sinn, Phrasen oder einzelne Wörter
einfach auswendig zu lernen. Ich suche Muster in der
Sprache. Zum Beispiel sind im Deutschen Wörter mit
„kn“ am Wortanfang oft etwas Kleines. Knopf, Knolle,
Knospe. Oder Wörter mit „str“ am Wortbeginn bezeichnen oft etwas Langes. Strand, Straße, Strumpf..

Naja, trotzdem können nur die Wenigsten eine Sprache in einer Woche lernen.

Das sehe ich gar nicht so. Ich versuche, eine Sprache intuitiv zu lernen – wie das kleine Kinder auch machen. Ich glaube, dass durch die Schule und durch das Alter diese Form des intuitiven Lernens mehr und mehr verloren geht. Trotzdem glaube ich, dass jeder eine Sprache relativ einfach lernen kann.


Sie sprechen in Ihrem neuen Buch „Wolkenspringer“ ja auch von einer universellen Grammatik.

Diese Theorie kommt eigentlich von Noam Chomsky. Sie besagt dass Kinder eine Sprache eben nicht nur durch Zuhören lernen, sondern dass in jedem Menschen auch ein natürliches Gespür für Sprache schlummert. Das würde auch erklären, warum Kinder ihre erste Sprache sehr leicht lernen.

Warum glauben Sie das?

Denken Sie doch nur an die vielen Gemeinsamkeiten, die unterschiedliche Sprachen haben. Wörter mit „i“ sind in sehr vielen Sprachen etwas Kleines. „Petite“ im Französischen, „winzig“ im Deutschen, „tiny“ im Englischen. Wir haben alle einen Sprachinstinkt – wir müssen ihn nur nutzen.

Sie haben auch eine eigene Sprache erfunden, die „Mänti“ heißt. Wozu?

Ich möchte mit Sprache spielen. Und wenn ich das mit
Französisch oder Englisch mache, wären mir vielleicht ein paar Sprachliebhaber böse. Darum habe ich eine eigene Sprache entwickelt. Mir macht es einfach sehr viel Spaß, eine eigene Sprachlogik zu entwerfen.

Außer Ihnen spricht aber niemand diese Sprache.

Stimmt, die ist nur für mich (grinst).

Waren Sie jemals von Ihren eigenen Fähigkeiten überrascht?

Ich kann natürlich Sachen, die nicht jeder kann. Aber ich denke auch, dass jeder auf eine gewisse Art so lernen kann wie ich. Ich glaube übrigens, dass es typisch westlich ist, dass man Sprache als schwer empfindet.

Warum?

In Afrika ist es selbstverständlich, dass die Menschen
mehrere Sprachen sprechen, die zum Teil viel komplizierter sind als etwa Deutsch. Deutsch hat drei
Geschlechter: der, die, das. In Afrika gibt es Sprachen,
die bis zu 16 Geschlechter haben.

Was bedeutet für Sie eigentlich Intelligenz?

Das ist etwas sehr Persönliches und meiner Meinung nach nicht messbar. Früher haben Wissenschaftler Schädel vermessen und gemeint, sie können aufgrund der Schädelgröße irgendwelche Aussagen über Intelligenz machen. Das ist Unsinn.

Heute misst man Intelligenz mit dem IQ-Test. In
Österreich zum Beispiel bei Aufnahmeprüfungen für manche Hochschulen.

Der IQ-Test besagt doch nur, dass man gut oder schlecht in diesem Test ist – sonst nichts. Das ist für mich total bizarr. Man kann doch nicht etwas messen, was nicht messbar ist.

Aber dumme Menschen gibt es schon, oder?

Nein. Es gibt nur dumme Handlungen. Ich kenne sehr
gebildete Menschen, die unglaublich dumme Sachen
machen.

Der Autismus hat Ihnen geholfen, sehr viel Intelligenz zu zeigen. Gleichzeitig behindert er Sie auch. Wenn Sie selber ein Kind hätten, würden Sie wünschen, dass es Ihre Form von Autismus erbt?

(überlegt lange) Diese Antwort fällt mir schwer. Aber:
Man kann es sich nicht aussuchen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass jedes Leben einen Wert hat.

In der Geschichte gab es aber immer wieder Bestrebungen, eine „Herrenrasse“ zu züchten – zum Beispiel bei den Nationalsozialisten.

Da muss man gar nicht auf die Nazis verweisen. Sogar
Winston Churchill hat die Eugenik befürwortet (Anm.:
Wissenschaft, die „Erbkrankheiten“ auslöschen will).
Viele wollen sich ja auch in unserer Zeit ein Designer-
Baby zusammenstellen. In Zukunft werden wir das vielleicht auch können. In England arbeiten Wissenschaftler gerade daran, Autismus schon vor der Geburt zu erkennen.

Wie denken Sie darüber?

Das ist für mich sehr besorgniserregend. Die Welt würde so viel verlieren. Denken Sie nur an die vielen Autisten, die etwas Wunderbares geschaffen haben. Sie komponieren Symphonien wie Derek Paravicini, malen Gemälde wie der Niederländer Willem van Genk oder helfen, so wie ich, der Wissenschaft, um das menschliche Gehirn zu erforschen.

 

 

   
   
     
     
 

Home
Kontakt
Impressum