Das Magazin Die Interviews Noch Fragen?

Das Interview

Das Interview

   

 

Karl Sigmund
„Was ich mache ist recht einfach “

Interviewt von Wolfgang Zwander

 

 

Zeitreisen wären möglich, schreiben Sie in einem ihrer Aufsätze über das aus Österreich stammende Genie Kurt Gödel – wie kann man sich das vorstellen?

Gödel war sehr eng befreundet mit Albert Einstein und hat sich mit den Einsteinschen Feldgleichungen beschäftigt, die ein Teil der Relativitätstheorie sind. Er hat gezeigt, dass diese Feldgleichungen eine Reise in die Vergangenheit erlauben. Einstein selbst war darüber sehr überrascht und hat gesagt, es müsse irgendeinen zusätzlichen physikalischen Grund geben, warum das unmöglich ist.

Wurde der Grund mittlerweile gefunden?

Nein, man kennt ihn noch nicht. Und das ist natürlich ein gewisser Skandal für die Physik.

Im Rahmen des gegenwärtigen Wissenstandes können Zeitreisen also nicht ausgeschlossen werden?

So ist es. Offenbar wissen wir da nicht genug. Gödel selber hat gedacht, seine Überlegungen lassen Rückschlüsse auf die Struktur der Zeit zu, er versuchte zu erklären, die Zeit sei eine Illusion.

Sie haben geschrieben, Gödel habe sogar Berechnungen durchgeführt, wie viel Energie eine Reise in die Vergangenheit brauchen würde.

Ja, das hat er tatsächlich berechnet. Der Energiebedarf wäre unrealistisch hoch, pro Gramm Nutzlast Milliarden Tonnen an Brennstoff.

Gödel hatte schwere psychische Probleme, war stark paranoid, hatte ständig Angst vergiftet zu werden. Sehen Sie darin einen Zusammenhang mit seinem Genie?

Jedermann kann darüber spekulieren, ob das mit seinem Genie zu tun hat. Aber tatsächlich gibt es neben Gödel eine ganze Reihe mathematischer Genies, die am Rande des Wahnsinns standen – diesseits oder jenseits. Georg Cantor, der Begründer der Mengenlehre, war schwer manisch-depressiv, der Spieltheoretiker John Nash schizophren. Es gibt aber auch ganz viele grundsolide Psychen, die zu mathematischen Höchstleistungen in der Lage waren. Von denen redet man nur weniger.

Die „Normalen“ passen nicht so gut ins Bild des genialen Mathematikers?

Ja, das ist eine Schablone.

Sie gehen einer Beschäftigung nach, die für die große Mehrheit nicht nachvollziehbar ist und aus der die meisten Menschen ausgeschlossen sind. Wie intelligent muss man sein, um Ihren Job machen zu können?

Was ich in meinem Brotberuf als Mathematiker mache, die Beschäftigung mit der Spieltheorie, ist sogar recht einfach. Die Spieltheorie ist viel leichter verständlich als das, womit sich neunzig Prozent meiner Kollegen hier am Mathematik-Institut beschäftigen. Sie ist eine sehr junge Wissenschaft, und Wissenschaften werden im Laufe ihres Alters immer komplexer. Ich bin insofern privilegiert, weil mein mathematisches Gebiet recht zugänglich ist.

Was wird mit Hilfe der evolutionären Spieltheorie erforscht?

Die evolutionäre Spieltheorie simuliert die Populationsdynamik von Lebewesen. Die Evolution wird dabei virtuell nachgestellt, und es wird beobachtet, wie die Anwendung verschiedener Strategien die Fortpflanzung bestimmter Lebewesen beeinflusst. Bei den Studien zeigt sich dann immer wieder, dass Merkmale oder das Verhalten Einzelner nur im Zusammenspiel mit dem Verhalten anderer erklärt werden können. Damit lässt sich dann zum Beispiel erklären, wie so etwas wie „die Moral“ in die menschliche Population eintreten konnte.

Und für eine solche Tätigkeit bedarf es keiner besonderen Begabung?

Na ja, da habe ich keine wirkliche Theorie dazu. Das Verhältnis zwischen mathematischer Begabung und dem allgemeinen Intelligenzbegriff ist ein sehr diffiziles. Es gibt Leute, die in Mathematik wirklich gut sind, aber vom täglichen Leben hoffnungslos überfordert.

Eine mathematische Begabung ist also nur eine Form von Intelligenz?

Es gibt überhaupt sehr viele verschiedene Arten der Intelligenz. Die soziale Intelligenz, die Intelligenz des Sportlers, der sich richtig bewegt, das hat ja beides mit Geistesleistungen zu tun. Und neben denen gibt es eben auch die mathematische Begabung. Es gibt ganz außerordentlich begabte Menschen, die in punkto Mathematik wie vor einer Wand stehen. Geistesgrößen wie Goethe oder Freud haben auch nur sehr wenig Mathematik anfangen können.

Was für eine Art von Wissenschaft ist die Mathematik, wie würde Sie sie kategorisieren?

Ich habe vor etlicher Zeit damit aufgehört, mir Gedanken darüber zu machen, ob Mathematik eine Geistes- oder eine Naturwissenschaft ist. Sie ist einerseits keine Naturwissenschaft, weil sie nicht auf Erfahrungstatsachen beruht, andererseits ist sie aber auch sehr weit weg von den typischen Geisteswissenschaften. Die Mathematik ist einfach die Mathematik, ein Zweig der Wissenschaft per se, der auf gewissen Gebieten sehr hilfreich sein kann. Innerhalb der Biologie muss die Mathematik als eine Hilfswissenschaft gesehen werden, auf anderen Gebieten nimmt sie eine führende Rolle ein.

Sie gelten als Gegner der Atomstromerzeugung und haben geschrieben, Sie könnten sich keine Gesellschaft vorstellen, die so dauerhaft ist, dass die Endlagerung des Atommülls sicher wäre. Zweifeln Sie an der Stabilität unserer Gesellschaft?

Die Gesellschaft übernimmt mit der Endlagerung des Atommülls eine Aufgabe, die sie über zehntausende von Jahren verlässlich durchführen muss. Das ist zum Beispiel wesentlich länger, als es bislang die Landwirtschaft gibt. Es könnte natürlich irgendwann einen technologischen Durchbruch geben, aber derzeit muss man diese Endlager bewachen. Und ich kann mir gerade in unserer Zeit nur sehr schwer vorstellen, dass diese Aufgabe absolut verlässlich durchgeführt werden kann. Man denke nur an Terrorismus, Anarchie, Krieg. Derzeit ist eine sichere Lagerung nur denkbar, wenn man an ein Ende der Geschichte glaubt. Und das tue ich nicht.

Das ist ein gutes Stichwort. Sie selbst bezeichnen sich als Agnostiker. Auf ihrem Schreibtisch liegt ein Buch von Richard Dawkins, der ein überzeugter Atheist ist und darauf beharrt, Atheismus sei die einzige rationale Glaubensform. Was sagen Sie dazu?

Ich gehe ganz bestimmt nicht so weit wie Richard Dawkins und bin von einigen seiner Haltungen sogar abgestoßen. Das kommt mir auch wieder wie ein überpannter Fanatismus vor. Der große springende Punkt ist, dass unter Gott so viel verstanden werden kann. Wenn das ein Kürzel dafür ist, dass es irgendetwas Unerforschliches gibt, das weit über uns hinaus geht, dann bin ich auch religiös. Von der Ehrfurcht vor diesem Unerforschlichen spüre ich manchmal etwas.

 

   
   
     
     
 

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